| Gesundheitsreform 2006 - AVWG ab 01. Mai 2006; Warum protestieren die Ärzte in Krankenhaus und Praxis? |
| Wie aus vielen Verlautbarungen in den Medien bekannt sein dürfte, befindet sich das deutsche Gesundheitssystem aufgrund des stetig steigenden Finanzbedarfs in einer tiefen Krise. Alle Betroffenen und insbesondere die gesetzliche Krankenversicherung kämpfen gegen die chronische Unterfinanzierung an. Wie unsere Patientinnen und Patienten sind wir Ärzte nachhaltig verunsichert und vermissen eine nachhaltige Planungssicherheit. | |
| Ab Mai 2006 sind durch das AVWG (= Arzneimittelversorgungs- Wirtschaftlichkeitsgesetz) weitere Verschärfungen und Einschränkungen in der Behandlung unserer Patientinnen und Patienten zu erwarten. | |
| Nachfolgend möchten wir Ihnen deshalb Informationen nahebringen, warum immer mehr Vorschriften und Regelungen Ihre Behandlung beeinflussen, für die wir als Ärztinnen und Ärzte nicht verantwortlich zeichnen. Es geht schlicht um Geld...... | |
| Wertungsfreie Ursachensuche zu den Finanzierungsproblemen.... | |
| Die jahrzehntelang unzureichend bewertete demographische Entwicklung unserer Gesellschaft hin zu einer Überalterung und die derzeitige wirtschaftliche Situation Deutschlands mit ca. 5 Millionen Arbeitslosen führt über immer weniger erwerbstätige Beitragszahler zu einem massiven Ausfall an Versicherungsbeiträgen insbesondere in der umlagefinanzierten gesetzlichen Pflegeversicherung, der gesetzlichen Rentenversicherung und der gesetzlichen Krankenversicherung. Gleichzeitig erhöhte sich der Anteil der nicht mehr erwerbstätigen älteren Bevölkerung, die aufgrund einer auch durch den medizinischen Fortschritt gesteigerten Lebenserwartung immer mehr und immer länger Sozialleistungen in Anspruch nimmt. (Aufgrund des stetig zunehmenden Anteils älterer Patienten bieten wir in unserer Praxis z.B. auch die Zusatzqualifikation 'Geriatrie' an.) | |
| Deutschland leidet neben anderen europäischen Ländern daran, dass unsere Bevölkerung durch immer weniger Geburten zahlenmäßig abnimmt. Glaubt man wissenschaftlichen Untersuchungen oder den Medien, haben die gutgemeinten Versuche, diesen Bevölkerungsrückgang unter anderem durch Zuzug oder Immigration zu kompensieren, durch unzureichende Integration die Sozialsysteme eher belastet als entlastet; die interkulturellen Spannungen oder die hohe Jugendarbeitslosigkeit seien hier nur als Beispiel genannt. | |
| Die deutschen Einheit hat die Sozialsysteme unerwartet stark und nachhaltig belastet. | |
| Deutschland ist größter Nettozahler zur Finanzierung der Europäischen Union und überweist trotz der wirtschaftlichen Situation deutlich mehr Geld nach Brüssel, als von dort nach Deutschland zurückfließt. | |
| Die Technisierung der Arbeitswelt schreitet schnell voran, sodass immer mehr Arbeitspensum durch immer weniger Beschäftigte bewältigt werden kann, was über konsekutive Rationalisierungen Arbeitsplätze (und damit Beitragszahler) vernichtet. | |
| Die Globalisierung der Wirtschaft führt zu einer Verlagerung von Ausbildungs- und Arbeitsplätzen in sogenannte 'Billiglohn-Länder'. Diese Ausbildungs- und Arbeitsplätze fehlen dann hierzulande und erhöhen durch fehlende Beitragszahlungen einmal mehr die Last auf die Sozialsysteme. | |
| 'Shareholder-value', also der Kurswert eines Unternehmens an der Börse scheint vordringlichstes Ziel der oft multinational aufgestellten (Pharma-) Konzerne zu sein. Eine soziale Verantwortung wird diesem Ziel untergeordnet, wie die Massenentlassungen großer Konzerne in der letzten Zeit und trotz guter Gewinnsituation zeigen. | |
| Das medizinische Wissen verdoppelt sich in immer kürzeren Zeitabständen, der medizinische Fortschritt schreitet voran. Krankheiten, die vor einigen Jahren nicht therapiert werden konnten oder solche, die schlicht unbekannt waren, sind jetzt einer (oft teuren) Therapie zugänglich und erhöhen neben der Lebenserwartung auch stetig den Finanzbedarf. | |
| Und vieles andere mehr........ | |
| Kurz: Immer weniger aktive Beitragszahler müssen in den umlagefinanzierten gesetzlichen Sicherungssystemen immer mehr Leistungsempfänger mit zunehmendem Geldbedarf immer länger finanzieren. | |
| Ideologische Grabenkämpfe, Lobby-Arbeit.... | |
| Die politischen Parteien Deutschlands verfolgen seit Jahren unterschiedliche Ansätze bei der Reform der Sozialsysteme, ohne sich auf ein nachhaltiges und auch für zukünftige Generationen nachweislich tragfähiges Konzept zu einigen. Ideologisch motivierte Selbstdarstellung scheint wichtiger als nachhaltige Reformen, die Angst vor Machtverlust durch die nächste (Ab-)Wahl führt zum protrahierten Stillstand. | |
| Zahnärzte und Ärzte sowie deren Verbände, die privaten und gesetzlichen Krankenversicherungen, die Apotheker, die Krankenhaus-Träger, die Pharmaindustrie, die Politik, Patientenorganisationen und nicht zuletzt die Sozialversicherungsträger verfolgen jeweils eigene und oft konträre Interessen, was eine konsensfähige Lösung ungemein schwierig macht. | |
| Die hauptsächlich Betroffenen.... | |
| In erster Linien sind Sie, unsere hilfesuchenden Patientinnen und Patienten, betroffen, was wir zutiefst bedauern! | |
| Aber auch wir Ärzte sollen einmal mehr die Prügelknaben sein....... | |
| Leider ist uns durch politische und meist wirtschaftlich motivierte Vorgaben keine freie Behandlung 'nach bestem Wissen und Gewissen' mehr möglich, weswegen wir für Sie ganz 'ärzteuntypisch' protestieren und um Ihr Verständnis sowie Ihre aktive Unterstützung bitten! | |
| Viele, wenn nicht die meisten Kolleginnen und Kollegen haben den ärztlichen Beruf aus Idealismus ergriffen, eingebettet in ethisch-moralische Wertvorstellungen, um das Leid unserer Patienten nach Kräften zu lindern. | |
| Genau diese Grundhaltung wird aufgrund wirtschaftlicher Zwänge regelrecht ausgenutzt, der ärztlicher Berufsstand wird nach unserem Empfinden pauschal diskreditiert, ja gar kriminalisiert. Beispielsweise wird oft polemisiert, den 'Ärzten ginge es doch nur um's Geld und um sonst nichts'..... Diese Behauptung ist wie viele andere auch unredlich und soll von den eigentlichen (oben angerissenen strukturellen) Problemen ablenken. Genausowenig trifft die wiederholt vorgetragene Behauptung, Ärzte würde an den Medikamentenverordnungen 'mitverdienen' und deswegen dieses oder jenes Medikament bevorzugt aufschreiben. | |
| Fakt ist, dass eine moderne medizinische Versorgung viel Geld erfordert. Fakt ist ebenso, dass in einer immer älter werdenden Gesellschaft durch altersbedingte Erkrankungen auch immer mehr Geld erforderlich sein wird, will man die ganze Bevölkerung am medizinischen Fortschritt teilhaben lassen. | |
| Das Morbiditätsrisiko (= Krankheitshäufigkeitsrisiko) muß jedoch bei den Krankenversicherungen und nicht bei uns Ärzten liegen. Mit budgetierten Leistungen oder Medikamentenkontigenten können nicht alle Patienten optimal und umfassend behandelt werden. | |
| Deshalb protestierten auf bislang zwei Nationalen Protesttagen und vielen anderen Kundgebungen Ärzte, Zahnärzte und ihre Mitarbeiter, Berufsverbände und Patientenorganisationen in seltener Eintracht gegen die Bedingungen, unter denen derzeit in Deutschland ärztliche Behandlung erbracht werden muß. An der letzten Protestveranstaltung am 24.03.2006 in Berlin nahmen über 30.000 Menschen teil. Die dort verabschiedete Resolution zeigt zusammenfassend viele der Probleme und Mißstände auf. | |
| Die Berlin-Essener Resolution der deutschen Ärzteschaft vom 24.03.2006: | |
| Wir fordern, die freie Arztwahl durch die Patientinnen und Patienten beizubehalten und die Unabhängigkeit und Freiberuflichkeit der Ärzte zu sichern. | |
| Wir fordern für unsere Klinikärzte international konkurrenzfähige Gehälter, die Bezahlung aller Überstunden und die Anerkennung von Bereitschaftsdiensten als vollwertige Arbeitszeiten. | |
| Wir lehnen den uns von Politik und Kassen aufgezwungenen, überflüssigen und monströsen Bürokratismus ab. Er stiehlt uns die Zeit für die Patientenversorgung. Wir lassen uns nicht weiter zu Erfüllungsgehilfen einer staatlichen Rationierungsbürokratie degradieren. | |
| Wir fordern die Sicherstellung einer wohnortnahen ambulanten haus- und fachärztlichen Versorgung durch unabhängige Ärzte, eine Mindestvergütung auf Basis des versprochenen Punktwertes von 5,11 Cent, das Ende der Budgetierung ärztlicher Leistungen sowie den Erhalt der privaten Krankenvollversicherung. | |
| Wir sind gegen eine staatlich diktierte Listenmedizin und eine auf Rationierung ausgerichtete Einheitsgebührenordnung mit staatlich diktierten Dumpingpreisen – beides führt zu inakzeptablen Qualitätseinbußen in der Medizin. | |
| Wir fordern von der Politik endlich öffentliche Ehrlichkeit und eine Stützung des Vertrauensverhältnisses zwischen Patient und Arzt. Für Rationierungen sollen diejenigen einstehen und sich verantworten, die meinen, sie anordnen zu müssen. | |
| Wir lehnen jede Koppelung des Verordnungsverhaltens der Ärzte an ihre Vergütung ab. Bonus-Malus-Regelungen sind unmoralische Angebote und dienen nur dem Zweck, die staatlich gewollte heimliche Rationierung unter Demontage der ärztlichen Integrität am Patienten zu vollstrecken. | |
| Wir lehnen jede Abwälzung des Morbiditätsrisikos sowie der Mehrkosten medizinischer Innovationen unserer alternden Gesellschaft auf die Ärzte ab. | |
| Wir lehnen die Einführung der 'Elektronischen Gesundheitskarte' ab, so lange die Unverletzlichkeit der Patientendaten nicht gesichert ist und so lange keine nachvollziehbare Kosten-Nutzen-Analyse vorliegt. Wer den wirtschaftlichen Nutzen an der 'eCard' hat, soll auch deren Kosten tragen. | |
| Wir fordern den Wechsel zum Kostenerstattungsprinzip im deutschen Gesundheitswesen, damit für Patient und Arzt Transparenz hergestellt wird und der Arzt wieder ausschließlich Anwalt seiner Patienten sein kann. | |
| In unserer Demokratie müssen alle Bürgerinnen und Bürger als mündig und selbstverantwortlich ernst genommen werden. Dazu gehört notwendig die Freiheit, über den Umfang der eigenen Gesundheitsversorgung frei von Bevormundung durch Staat oder Kostenträger selbst und eigenverantwortlich bestimmen zu dürfen. | |
| Trotz der bundesweiten Proteste auch gegen die Bonus-Malus-Regelung wurde das AVWG im April 2006 von der großen Koalition aus CDU/CSU/SPD in Berlin verabschiedet. | |
| Arzneimittelversorgungs-Wirtschaftlichkeitsgesetz AVWG ab Mai 2006 | |
| Aus einer Presseerklärung des Bundesministeriums für Gesundheit vom 7.4.06: | |
| Die Ärzte sollen künftig stärker in die Verantwortung für die Wirtschaftlichkeit ihrer Arzneiverordnungen genommen werden (so genannte Bonus-Malus-Regelung). Denn die Ärzte entscheiden mit ihren Verordnungen über die Höhe der Arzneimittelausgaben. Therapiefreiheit und wirtschaftliche Verantwortung sind nicht teilbar. | |
| Deshalb sollen künftig Zielvorgaben für die Preiswürdigkeit der verordneten Arzneimittel gelten. | |
| Die Preiswürdigkeit der Arzneimittel in bestimmten Gruppen kann bestimmt werden mit Hilfe sog. Durchschnittskosten pro definierter Dosiereinheit auf Basis definierter Tagesdosen (DDD). Die definierten Tagesdosen sind durch eine amtliche Klassifikation vorgegeben, an deren Vorbereitung auch Vertreter pharmazeutischer Unternehmen beteiligt sind. Die Einzelheiten dieser Zielvorgaben für DDD-Kosten sollen von der gemeinsamen Selbstverwaltung auf Bundesebene durch Vertrag vereinbart werden. | |
| Das DDD-Konzept stellt sicher, dass weder die Anzahl der verordneten Arzneimittel noch die Anzahl der versorgten Patienten zu einem Malus führt. | |
| Die Selbstverwaltung auf Landesebene erhält die Möglichkeit, diese Zielvorgaben durch eine regionale Vereinbarung abzulösen. Dabei erhalten die regionalen Vertragspartner den notwendigen Spielraum, um bei der Ausgestaltung der Verträge flexibel und kreativ sein zu können. Voraussetzung ist dafür nur, dass eine vergleichbare Verbesserung der Wirtschaftlichkeit der Arzneimittelverordnung erreicht wird und verbindliche Ausgleichsverpflichtungen vorgesehen werden für den Fall, dass die vereinbarten Ziele nicht erreicht werden. | |
| Was bedeutet das neue Gesetz für uns Ärzte: | |
| Wir entscheiden nicht mehr frei, welches Medikament in welcher Dosierung bei welcher Krankheit zu Einsatz kommt, sondern bekommen diese Parameter 'via Katalog' vorgegeben. Überschreiten wir die sogenannten Tagestherapiekosten (DDD, s.o.), werden uns die dadurch verursachten Mehrkosten per praxisindividuellem Regress vom Honorar abgezogen. De facto sollen wir damit die Ihnen als Patient/in verordneten Medikamente aus eigener Tasche bezahlen, um die kranken Kassen zu entlasten. | |
| Unterschreiten wir die 'erlaubten' Tagestherapiekosten, soll uns als 'Belohnung' ein Honorarzuschlag gewährt werden. | |
| Eine derartige Regelung ist aus unserer Sicht unethisch und zerstört das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient. Die Therapiefreiheit des Arztes wird massiv beschnitten, der Arzt wird als 'Rationierungsgehilfe' der Politik mißbraucht. | |
| Einen Einblick in das komplexe DDD-Regelwerk erhalten Sie auf den Seiten des Deutschen Instituts für medizinische Dokumentation und Information, kurz DIMDI. | |
| Unsere Bitte an Sie als unsere Patientinnen und Patienten | |
| Bitte unterstützen Sie aktiv unseren Protest gegen die derzeitigen Rahmenbedingungen, unter denen in Deutschland ärztliche und psychotherapeutische Behandlung in Klinik und Praxis erbracht werden müssen. Es geht um Ihre Gesundheit! | |
| Wir befinden uns auf dem Weg in eine dirigistisch rationierte Staatsmedizin, unter der unsere Patienten noch leiden werden, wenn es die derzeit bekannte wohnortnahe haus- und fachärztliche medizinische Versorgung nicht mehr gibt. Große unpersönliche medizinische Zentren (MVZs) mit vielen Ärzten nach dem Vorbild der Polikliniken werden aus Rationalisierungerwägungen favorisiert. | |
| Unsere Bitte nach Verständnis und Unterstützung erfolgt in Übereinstimmung mit der Arbeitsgemeinschaft Biebricher Ärzte. Einen Informations-Handzettel der Biebricher Ärzte können Sie hier als PDF-Datei (12 Kb) herunterladen. | |
| Informationsveranstaltungen und Kundgebungen | |
| Die hessischen Ärzte protestierten mit ihren Mitarbeitern am 26.04.2006 auf dem Frankfurter Römerberg. | |
| Der 2. Nationale Protesttag fand am 24.03.2006 in Berlin statt. | |
| Der 3. Nationale Protesttag fand am 19.05.2006 in Berlin statt. | |
| Der 4. Nationale Protesttag fand am 22.09.2006 in Berlin statt. | |
| Bundesweiter Aktionstag am 04.12.2006 | |
| Unter anderen führen die Online-Portale Facharzt.de/Hausarzt.de einen Veranstaltungskalender zu Protestaktionen gegen die aktuelle Gesundheitspolitik. | |
| [ Letzte Aktualisierung: 02.05.2008 | © www.praxis-wiesbaden.de ] |